Brennende Kohlegruben in Südafrikas Ruhrgebiet
Dieses Stück Land inmitten der weiten Ebene des Highveld, des südafrikanischen Hochalnds, ist plötzlich voller Schwellen und Unebenheiten. Unvermittelt tun sich metertiefe Löcher im Boden auf. Das ansonsten grüne Gras- und Buschland ist voll brauner Flächen ohne Bodenbewuchs. Hier und da steigen weiße, schweflig riechende Rauchfahnen aus dem unnatürlich warmen Boden. Es brennt unter der Erde von Witbank, Provinz Mpumalanga, 90 Autominuten östlich von Südafrikas Wirtschaftsmetropole Johannesburg.
Eine Delegation von MitarbeiteInnen des europäischen Parlaments, der Heinrich-Böll-Stiftung und anderer Nichtregierungsorganisationen ist unterwegs, um sich am Rande des Weltgipfels für Nachhaltige Entwicklung über die Umweltprobleme des Gastgeberlandes zu informieren. Witbank ist eine Bergarbeitertstadt mit rund 350.000 Einwohnern. Seit Ende des 19. Jahrhunderts werden hier Kohle gefördert und Stahl produziert. Später sind große Kohlekraftwerke dazugekommen, die die Region zum Zentrum der südafrikanischen Energieversorgung machen. Im Vergleich zu seinem deutschen Gegenstück wirkt dieses Ruhrgebiet Südafrikas allerdings noch immer eher ländlich. Vielleicht fallen deshalb Umweltprobleme hier um so stärker ins Auge.
Die Besucher vom Weltgipfel besuchen das Gelände der ehemaligen Kohlegrube „Transvaal and Delagoa Bay Mining“ (TDBM). 1895 eröffnet, brachen hier 1933 die ersten unterirdischen Brände aus. 1953 schloss man die Grube, doch die Flöze brennen bis heute. Niemand hier weiß, wie sie zu löschen sind. Bisweilen stürzen Teile der unterirdischen Gewölbe ein. Vor einigen Jahren schlugen nach einem solchen Einsturz unvermittelt 30 Meter hohe Flammen aus dem Boden.
Am Rande des Geländes stehen Warnschilder, doch führt ein vielbenutzter Trampelpfad quer über das rund 800 Hektar grosse Gebiet. Er bildet den Schulweg für viele Kinder aus dem nahegelegenen Township. Als die Besucher mit dem Bus eintreffen, versucht die Werkspolizei des benachbarten Stahlwerks vergeblich, sie vom Betreten des Geländes abzuhalten.
Die unterirdischen Brände der ehemaligen TDBM-Grube sind jedoch nur die sichtbarsten der durch die Kohleförderung verursachten Umweltschäden, erklärt Eric Parker, Stadtentwicklungs-Chef von Witbank. Neben Flächenverlust und Luftverschmutzung hat die Stadt vor allem mit der Verseuchung des Grundwassers durch die ehemaligen Gruben zu kämpfen. Das am Fuß der TDBM-Grube austretende Wasser ist nicht nur heiß, sondern auch extrem sauer. In einem kleinen Rückhaltebecken wird es mit Kalkstein versetzt, bevor es in den Fluss geleitet wird, aus dem die Stadt ihr Wasser bezieht.
Ortstermin in „Coronation“, einer informellen Siedlung Witbanks, eingezwängt zwischen einem einsturzgefährdeten Grubengelände und einer Abraumhalde. Hier gibt es nur behelfsmässig errichtete Häuser, kein Wasser und keinen Strom. Die Besucher sprechen mit Menschen, die auf der Abraumhalde nach Kohleresten graben, Brennmaterial zum Kochen und Heizen. Unlängst kam hier ein Kind ums Leben, als es bei der Suche nach Kohle verschüttet wurde.
Am Spätnachmittag schließlich Empfang für die Delegation in der Stadthalle von Lynnville, eines der schwarzen Townships von Witbank. Seit Ende der Apartheid hat die Stadtverwaltung Fortschritte bei der Verbesserung der Lebensbedingungen in den Townships erreicht, vor allem durch Ausbau der Infrastruktur in den informellen Siedlungen. Lokale Initiativen in Lynnville werden durch internationale Organisationen wie die Heinrich-Böll-Stiftung in ihrer Arbeit unterstützt. Doch entstehen immer wieder neue informelle Siedlungen, die Arbeitslosigkeit ist hoch.
Witbank wird weiter ein industrielles Herzstück Südafrikas bleiben, und wie das deutsche Ruhrgebiet wird es ohne den Glamour der Metropole Johannesburg auskommen müssen. Doch anders als in Bochum oder Essen, sind Südafrikas Mittel, einen „blauen Himmel über dem Olifants River“ zu schaffen, angesichts der Massenarmut sehr begrenzt