Jo‘burg News Ausgabe 2, 26. August 2002
Herausgegeben von der Heinrich-Böll-Stiftung
Aktuelle Informationen, Nachrichten und Hintergründe vom „Weltgipfel für Nachhaltige Entwicklung“ (WSSD) in Johannesburg/Südafrika
Inhalt
1. EU-US “Non-paper” zu Globalisierung, Handel und Finanzen
2. Böll‘s Breakfast Briefings – „Unternehmensverantwortung“
3. Gipfel-Schnipsel – kurze Meldungen aus den Verhandlungsdelegationen
4. Böll-Forum in Johannesburg eröffnet
5. Begrüßungsrede Ralf Fücks auf dem Grand Opening
6. Palästinensischer Protest und festgenommene Israelis in Johannesburg
EU-US “Non-Paper” zu Globalisierung, Handel und Finanzen
Ihre gemeinsamen Vorstellungen wie die kontroversen Themen Globalisierung, Handel und Finanzen im Aktionsplan des Weltgipfels aufgegriffen werden sollen, haben die EU und die Vereinigten Staaten in einem sogenannten “Non-Paper” fixiert, das am Wochenende in Johannesburg kursierte. Das Non-Paper stellt “verbesserten Marktzugang”, und zwar für alle “Produkte von Interesse” für Entwicklungsländer sowie eine Verringerung von Tarifen auf Nicht-Agrarprodukte “wo angebracht”, von Exportsubventionen und heimischen Stützungsmassnahmen, vor allem fuer die Landwirtschaft, seitens der Industrieländer in Aussicht. Im Gegenzug sollen Entwicklungsländer, so fordert das Non-Paper, ihre Regierungsfähigkeit verbessern und die “heimische Umgebung” für Investitionen, insbesondere ausländische Direktinvestitionen zu verbessern. Dieser gemeinsame Vorschlag bringt zumindest etwas Bewegung in die Verhandlungen in diesen Bereichen. Das könnte ausschlaggebend für den Erfolg bei den Versuchen sein, noch im Laufe dieser Woche den unter anderem von Bundesumweltminister Jürgen Trittin geforderten “Aktionsplan” zu vereinbaren, der konkrete Verpflichtungen für alle beteiligten Länder vorsehen soll. Noch im Juni in Bali auf der 4. Vorbereitungskonferenz zum Weltgipfel hatten vor allem die USA den Einbezug von Handel und Finanzen in den “Aktionsplan” strikt abgelehnt. Für die meisten Entwicklungsländer sind verbindliche Zugeständnisse des Nordens bei Handel und Finanzen aber Grundvoraussetzung für einen Erfolg der Verhandlungen in Johannesburg.
Noch am Sonntag wurde eine Sonderarbeitsgruppe zu diesen Themenbereichen eingerichtet. Sie hat Elemente des EU-US-Non-Papers in ein neues, “Mittel und Wegen zur Implementierung” genanntes Papiers eingefügt. Inzwischen haben die in der Gruppe “G77 und China” zusammengeschlossenen Südländer offenbar dieses Papier als weitere Verhandlungsgrundlage akzeptiert. Die “G77 und China” wollen aber besonders in den Punkten Marktzugang und Subventionsabbau noch weiter verhandeln. Im Text fehlen bislang auch jegliche Hinweise darauf, bis wann die von den Industrieländern zu machenden Zugeständnisse, vor allem der versprochene Subventionsabbau, geschehen müssen.
Viele NGO, darunter so bekannte und große wie Greenpeace, der World Wildlife Fund (WWF) und Oxfam, haben bereits sowohl die EU-US-Vorschläge als auch das von den “G77 und China” tolerierte Papier als “nicht weitgehend genug” kritisiert. Besonders der starke Bezug des Papiers der Sonderarbeitsgruppe auf die Ergebnisse der letzten Ministerrunde der Welthandelsorganisation (WTO) vom November vergangenen Jahres in Doha erregt bei den NGO Besorgnis. Remi Parmentier, der politische Direktor von Greenpeace International, sagte auf einem Media-Briefing der Heinrich-Böll-Stiftung und dem Worldwatch Institute in Johannesburg, man habe den Eindruck, dass das EU-US-Non-paper “im Hauptquartier der WTO in Genf” geschrieben worden sei. Er prangerte vor allem das fehlende Eingeständnis des Papiers an, dass Globalisierung, gerade auch der liberalisierte Welthandel, Gefahren berge.
Weiterhin, so Parmentier, fehlten in dem Text Hinweise auf das Vorsorgeprinzip. Das wird von den USA als international verbindliches Handlungsprinzip grundsätzlich abgelehnt. Auch auf das Verhältnis zwischen der WTO und multilateralen Umweltabkommen und deren mögliche internationale Regelung wird im Text nicht eingegangen. “Das sollte beim Weltgipfel, nicht in der Doha-Entwicklungsrunde geklärt werden,” betonte Parmentier. Schließlich sei auch die Frage der Verantwortlichkeit der Wirtschaft im Globalisierungsprozess nicht angemessen in dem Papier angesprochen. Das Papier empfiehlt lediglich öffentlich-private Partnerschaften und freiwillige Initiativen. Die NGO fordern in Johannesburg dagegen, ein rechtlich bindendes Rahmenwerk zu schaffen, dessen Einhaltung durch die Unternehmen dann auch kontrolliert und eingefordert werden könnte.
Böll‘s Breakfast Briefings – „Unternehmensverantwortung“
Die „Böll‘s Breakfast Briefings“ (BBB) sind eine Reihe von konzentrierten Arbeitsfrühstücken während des Johannesburg-Gipfels. Jedes Treffen wird sich einem Schlüsselthema widmen. Heute: Unternehmensverantwortung
Dazu wird eine begrenzte Anzahl von Experten eingeladen, um in informeller Atmosphäre durchaus kontrovers zu diskutieren. Die BBB sind ein Versuch, unterschiedliche Akteure aus Politik, NGO und Wirtschaft, aus dem Süden und dem Norden an einen Tisch zu bringen, um eventuelle frische Anstöße zur Lösung der schwierigen Gipfelfragen zu geben.
Das erste BBB eröffnete am Montag Morgen Barbara Unmüßig, Co-Vorsitzende der Heinrich-Böll-Stiftung. Das Thema war „Unternehmensverantwortung“ für soziale und nachhaltige Entwicklung. Unternehmensverantwortung sei nicht nur hier in Johannesburg und während des Gipfels ein wichtiges Thema, leitete Barbara Unmüßig die Diskussion ein. „Es besteht kein Zweifel, dass die sozialen und ökologischen Folgen des Handelns von transnationalen Unternehmen weitreichend sind und ihre Praxis offen nachhaltige Entwicklung verhindert.“ Nach dieser kurzen Einführung bat Frau Unmüßig Craig Bennet, Experte von Friends of the Earth in Großbritannien, den Vorschlag zu einer „Konvention über Unternehmensverantwortung“ vorzustellen.
Das Jahrzehnt nach dem Erdgipfel in Rio sei de facto die Dekade der Unternehmen gewesen, sagte Bennet. Die Unternehmen hätten sich in Rio selbst verpflichtet, möglichst nachhaltig zu handeln. Aber diese Selbstverpflichtung habe sich als ein leeres Versprechen entpuppt. Größtes Problem sei, dass die Einhaltung der selbst gesetzten Nachhaltigkeitskriterien nicht kontrollierbar und einklagbar sei. „Freiwillig ist eben freiwillig,“ stellte Bennet fest.
Angesichts der Tatsache, dass sich unter den 100 größten ökonomischen Einheiten auf der Welt 51 Konzerne und nur 49 Staaten befinden und die 500 größten Konzerne zwei Drittel des Welthandels kontrollieren, sei aber die Mitwirkung der Unternehmen an einer nachhaltigen Entwicklung unabdingbar: „Es gibt keine Nachhaltigkeit ohne sie.“ Deswegen habe Friends of the Earth ein Konzept zu einer „Konvention zu Unternehmensverantwortung“ gemacht. Die wichtigsten und maßgebenden Unternehmensverbände haben diesen Vorschlag aber bereits abgelehnt.
Leider sei der Druck von Seiten der Politik auf die Unternehmen nicht besonders groß, im Gegenteil. Bennet versteht nicht, warum es bei Umweltkatastrophen oder sozialen Katastrophen immer nur bei Betroffenheit und Nothilfe bleibe. „Wenn aber Enron oder Worldcom wegen Finanzmanipulationen zusammenbrechen, dann gibt es ganz schnell neue Gesetze, vor denen sich die Politiker so scheuen, wenn es um die Umwelt geht.
Die Gegenposition sollte auf dem BBB eigentlich von Fred Göde, vom südafrikanischen Chemiekonzern SASOL, vertreten werden. Doch SASOL zog kurzfristig seine Beteiligung zurück, nachdem der Konzern von Friends of the Earth den sogenannten „Greenwash Award“ erhalten hatte. Der Preis wird Unternehmen verliehen, die besonders dreist ökologisches Verhalten vorspiegeln, ohne ihre Produktion tatsächlich nachhaltigen Kriterien zu unterwerfen. SASOL forderte zudem alle südafrikanischen NGO auf, deren Teilnahme von dem Konzern gesponsert worden war, sich vom Gipfel zurück zu ziehen.
Gipfel-Schnipsel – kurze Meldungen aus den Verhandlungsdelegationen
· Die USA haben offenbar ihr erstes Eingeständnis mit Bezug auf Zeitpläne/zeitliche Verpflichtungen gemacht. Bislang hatten amerikanische Unterhändler versucht, im Aktionsplan jeden Hinweis auf verbindliche Zeitpläne zu dessen Umsetzung zu verhindern. Übers Wochenende stimmten die US-Unterhändler nun aber offenbar zu, im dem Teil des Verhandlungstexts, der sich mit der Wiederherstellung der Fischbestände befasst, die zeitliche Zielvorgabe 2015 zu akzeptieren.
· Hinsichtlich der Verhandlungen über die zukünftige Aufstockung der Globalen Umweltfazilitaet (GEF), eines internationalen Finanzierungsinstruments in Umweltfragen, ist in Johannesburg übers Wochenende eine Einigung erzielt worden. Danach soll die GEF 2.9 Milliarden US-Dollar erhalten. Einigen konnten sich die Unterhändler am Wochenende offenbar auch darüber, welche genauen Aufgaben die GEF erhalten soll. Künftig soll die GEF die Umsetzung der Konvention zur Bekämpfung der Wüstenbildung finanziell unterstützen (Paragraph 39f des vorläufigen Aktionsplans), soll aber auch in Zukunft keine Mittel für die Lösung rein nationaler Umweltprobleme bereitstellen.
· Die EU ist entschieden gegen die Einrichtung eines Weltsolidaritätsfonds, für den sich zahlreiche andere Länder, darunter die USA, stark machen. Nach Ansicht der EU sollten keine weiteren Fonds eingerichtet werden, auch nicht unter privatwirtschaftlicher Beteiligung, sondern eine bessere Nutzung bestehender Finanzierungsmöglichkeiten angestrebt werden.
· Im Energiesektor hat Gastgeberland Südafrika offenbar während der vergangenen Tage gezielt bilaterale Verhandlungen mit mehreren nationalen Delegationen geführt, darunter der deutschen. Ziel der Gespräche ist es, die Diskussion der Minister nächste Woche zum Thema Energie vorzubereiten. Offenbar gehen die Südafrikaner davon aus, das weitere multilaterale Verhandlungen auf Unterhändlerebene angesichts der verfahrenen Situation zwecklos sind.
· Am Eröffnungstag des Gipfels fanden sich zahlreiche Delegierten aus dem offiziellen Tagungszentrum, dem “Sandton Convention Center”, ausgesperrt. Weil die Kapazität des Center aus feuerpolizeilichen Gründen von der Stadt Johannesburg auf nur knapp 7000 Menschen begrenzt wurde, hatten die Organisatoren am Sonntag ohne besondere Hinweise “Ein-Tages-Zusatzpässe” ausgegeben. Davon wussten allerdings die meisten Teilnehmer nichts. Ihnen wurde am Montag morgen unvermittelt der Zugang ins Verhandlungsgebäude verwehrt. Ganz im Sinne der Nachhaltigkeit wurden NGO-Vertreter deshalb gebeten, ihre Zusatzpässe zu "recyclen." Beim Verlassen von Sandton können die Pässe nun an wartende Kollegen verteilt werden.
Böll-Forum in Johannesburg eröffnet
Am Sonntag Abend wurde auf dem Global Peoples Forum in Johannesburg das Böll-Forum mit einem „Grand Opening“ eröffnet. Ralf Fücks, Co-Vorsitzender der Heinrich-Böll-Stiftung, begrüßte rund 400 Gäste aus aller Welt und lud sie ein, bis zum 4. September die über 50 verschiedenen Veranstaltungen auf dem Böll-Forum zu.
Das Theaterstück „Fair Wealth“ (Gerechter Wohlstand) der Gruppe „Sibikwa Community Theatre Project“ aus Soweto leitete die Vorstellung des Jo‘burg Memos ein. Das Jo‘burg Memo ist ein wichtiger Debattenbeitrag der Heinrich-Böll-Stiftung im Vorfeld des Gipfels und darüber hinaus. Das Memorandum wurde von einer aus 16 Personen bestehenden Autorengruppe verfasst, der WissenschaftlerInnen, UmweltaktivistInnen, UnternehmerInnen und PolitikerInnen aus aller Welt angehören. Anschließend hoben vier der AutorInnen die wichtigsten Aussagen des Memos noch einmal hervor.
Wolfgang Sachs, Koordinator und Herausgeber des Jo’burg Memos beklagte: “Der Gipfel wird darüber sprechen wie man die Armen aus der Armut herausheben kann, aber nicht darüber, wie man die, die oben stehen, herunterbringen kann. Wir müssen aber auch über Reichtumsverringerung reden.” Sara Larrain, Nachhaltigkeitsaktivistin aus Chile, beklagte die „Aushebelung der Errungenschaften von Rio 1992“ und die „Vermarktung des Begriffs der Nachhaltigen Entwicklung“ in den vergangenen Jahren.
Tewolde Berhan Gebre Egziabher aus Äthiopien malte eine düstere Zukunft für frei verfügbare Naturressourcen: “Bald könnte auch Luft privatisiert, in Beutel verpackt und als Ware verkauft werden.” Die Amerikanerin Hilary French forderte: “Wir müssen von Steuern auf Dinge, die wir förden wollen, wie z.B. Arbeit, wegkommen und statt dessen das besteuern, was wir vermindern wollen. Die Preise müssen künftig die ökologische Wahrheit sagen.”
Die indische Umweltaktivistin Vandana Shiva kommentierte: “Dem Jo’burg Memo ist es gelungen, die künstlich geschaffene Kluft zwischen sozialer Entwicklung und ökologischer Umgestaltung zu überwinden.”
Die indische Umweltaktivistin Vandana Shiva kommentierte: “Dem Jo’burg Memo ist es gelungen, die künstlich geschaffene Kluft zwischen sozialer Entwicklung und ökologischer Umgestaltung zu überwinden.”
Begrüßungsrede Ralf Fücks auf dem Grand Opening
Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freunde und Kollegen,
Es ist eine besondere Ehre, Sie hier alle zum „grand opening“ des Böll-Forums im Herzen des Global People‘s Forum begrüßen zu dürfen. Dies wird für die nächsten zwei Wochen ein Platz für kritische Reflexion sein, für Hintergrundinformationen, politische Vorschläge und Diskussionen über Grenzen hinweg, die so wichtig für die Zukunft unseres Planeten sein werden. (...)
Heute Abend möchte ich das „Jo‘burg Memo – Ökologie – die neue Farbe der Gerechtigkeit“ herausheben. Dieses Memorandum ist ein bemerkenswertes Produkt intellektueller Arbeit, das von einer Gruppe von 16 Autoren mit unterschiedlichem politischen Hintergrund und Erfahrungen geschaffen, die sich aber alle der großen Herausforderung des 21. Jahrhunderts stellen: Die Erde zu einem freundlicheren und sichereren Platz für alle Menschen zu machen, was sie heute offensichtlich nicht ist. (...)
Lassen Sie mich einige kurze Anmerkungen zu den Zielen und Erwartungen machen, in Bezug auf den Gipfel selbst und auf unsere eigenen Aktivitäten.
1.
Wenn man die Entwicklungen seit dem letzten Weltgipfel für Umwelt und Entwicklung in Rio 1992, der den Begriff „Nachhaltige Entwicklung“ in der ganzen Welt bekannt gemacht hat, Revue passieren lässt, dann bekommt man ein recht widersprüchliches Bild. Auf der einen Seite hat der Rio-Prozess eine ganze Reihe von erfolgreichen politischen Initiativen und Prozesse auf lokaler, nationaler und internationaler Ebene angestoßen. Viele Tausend lokale Agenda-21-Initiativen auf allen Kontinenten engagieren sich, die örtlichen Lebensbedingungen zu verbessern und die Muster kommunaler Entwicklung zu verändern.
Nationale Parlamente und Regierungen haben die ökologische Gesetzgebung verbreitert und mittelfristige Programme für nachhaltige Entwicklung etabliert. Deutschland zum Beispiel gelang es, seine CO2-Emissionen gegenüber 1990 um 19 Prozent zu verringern.
Neue multilaterale Abkommen und Körperschaften wurden verhandelt und teilweise in Kraft gesetzt. Klaus Töpfer, Leiter des UN-Umweltprogramms, erinnerte gestern daran, dass inzwischen mehr als 300 multilaterale Verträge und Protokolle zu ökologischen Themen Teil des Völkerrechts sind.
Wir können auch in der Wirtschaft positive Trends entdecken. Eine wachsende Zahl von Unternehmen beziehen Umweltregeln in ihre Geschäftsmodelle ein. Und dabei geht es nicht nur um das sogenannte „Greenwash“, sich also nur äußerlich ein „grünes“ Image zu geben, um damit Werbung zu machen. Neue Zertifikate für nachhaltig produzierte Waren (und Dienstleistungen), wie „Rugmark“ oder das „Forest Stewardship Label“ haben weltweit Resonanz gefunden.
In der Wissenschaft findet man heute kaum noch einen seriösen Experten, der behauptet, es gebe keine von Menschen verursachten Klimaveränderungen, die die Lebensbedingungen von Milliarden Menschen bedrohen.
Aber trotz dieses Fortschritts, die wir begrüßen und als unseren gemeinsamen Erfolg feiern sollten, ging der Niedergang des Ökosystems im vergangenen Jahrzehnt dramatisch weiter. Während sich der Handel vervielfacht hat und in den Ländern im Nodern die Wirtschaft enorme Wachstumsraten aufweist, ist die Kluft zwischen den Reichen und den Armen dieser Erde eher noch größer geworden. Es muss also irgend etwas ganz falsch sein am gegenwärtigen Handelssystem und am Wirtschaftswachstum. Es wäre eine jämmerliche Therapie für die Zukunft, nur wieder mehr vom Selben zu fordern.
(...) Die neue Tagesordnung der internationalen Politik muss die Globalisierung anpassen. (...) Wir brauchen eine Umverteilung der Macht zwischen den Unternehmen und den Gemeinschaften, verbindliche Regeln und effektive supranationale Institutionen, die in die Lage versetzt werden müssen beides zu tun, die Märkte zu begrenzen und sie in eine nachhaltige Richtung zu lenken, was immer auch die konkrete Antwort oder Lösung auf diese Frage sein mag. (...)
2.
Aber selbst wenn wir unsere Erwartungen herunterschrauben: Dieser Gipfel wird für multilaterale Politik, für die Fähigkeit von Regierungen, Zusammenarbeit zu stärken und globale Regeln zu etablieren, die es erlauben, mit den weltweiten Problemen fertig zu werden und die wachsenden Verpflichtungen aufgrund von internationalen Verträgen zu erfüllen, der Lackmustest sein.
Wir wissen alle, dass wir uns an einem kritischen Punkt befinden. Es gibt genug Gründe, sich darüber zu sorgen, ob multilaterale Abkommen nicht durch unilaterale Arroganz und nationalen Egoismus einfach überrannt werden – und das ist nicht nur ein Problem der USA.
Ich hoffe, dass die Europäische Union eine wichtige Rolle als Verteidigerin multilateralen Handelns spielen kann, weil die EU selbst in Modell für regionale Kooperation und internationale Integration ist. Es gibt genug an der EU-Politik zu kritisieren, aber sie muss es immer wieder schaffen, einen transnationalen Markt mit einer gemeinsamen Gesetzgebung und gemeinschaftlichen Institutionen zu verbinden, und das ist ein sehr viel vielversprechenderes Modell als die nationale Souveränität als das Grundprinzip internationaler Politik hoch zu halten.
3.
Zehn Jahre nach Rio, nachdem die industrialisierten Staaten es nicht geschafft haben, ihre Versprechungen zu erfüllen, hängt jedes denkbare positive Ergebnis dieses Gipfels davon ab, ob es gelingt, das Vertrauen zwischen den prosperierenden und mächtigen Ländern und den sich entwickelnden Staaten wieder herzustellen. Vertrauen wird aber nur wachsen, wenn die industrialisierte Welt zu einer doppelten Anstrengung bei der Überwindung von sozialer Verelendung und der unmäßigen Nutzung von Naturresourcen bereit ist. Der Schutz des Ökosystems und die Verbesserung der Lebensbedingungen von Milliarden von Menschen sind nur zwei Seiten ein und derselben Medaille.
Ohne konkreten, substantiellen Fortschritt auf Gebieten wie dem Zugang zu sauberem Wasser und Energie, ohne Zugang zu Märkten für die sich entwickelnden Länder und die Verringerung von Subventionen in den OECD-Ländern, ohne neue Mechanismen, Geld für nachhaltige Entwicklung zu beschaffen, und ohne Linderung der Steuerbürden für Dritte-Welt-Länder wird es keine Einigung zu nachhaltiger Entwicklung geben. Es ist wahr, dass Nord und Süd eine gemeinsame Verantwortung für diese gemeinsame Welt haben, aber es ist nicht weniger wahr, dass die stark und falsch entwickelten Länder den größeren Anteil auf sich nehmen müssen, um die Dinge in eine nachhaltige Zukunft zu lenken. Wir müssen unseren zu großen Ressourcenverbrauch verkleinern, um den sich entwickelnden Ländern Platz für industriellen und sozialen Fortschritt zu geben. Das Jo‘burg Memo ist also auf dem richtigen Weg, wenn es sagt, dass es wenig Sinn macht, über die Verringerung von Armut zu reden, wenn man nicht gleichzeitig über die Verringerung von Wohlstand spricht.
Wir brauchen kein weiteres, feierliches Bekenntnis zu nachhaltiger Entwicklung durch die Staatsoberhäupter. Wir brauchen und erwarten von diesem Gipfel klare Verpflichtungen, wie die Ziele, die bereits in vielen Konferenzen und Abkommen vereinbart wurden, erreicht werden können. (...)
4.
Seit dem 11. September hat Nachhaltigkeit auch die Tagesordnung bei Fragen der Sicherheit dominiert. Ich möchte nur sagen, was Gemeingut sein sollte, aber nicht ist: Langfristig werden die hoch aber falsch entwickleten Länder durch noch so intelligente Waffen und Armeen keine Sicherheit erlangen. Es wird in einer Welt, in der Milliarden Menschen von den Wohltaten der Moderne ausgeschlossen sind und täglich um ihr Überleben kämpfen müssen, für kein Land der Welt Sicherheit geben. Ohne globale Gerechtigkeit gibt es keinen nachhaltigen Frieden. Darum muss nachhaltige Entwicklung im Zentrum einer weitsichtigen Sicherheitspolitik stehen.
Palästinensischer Protest und festgenommene Israelis in Johannesburg
Palästinensische Teilnehmer und Delegierte des WSSD haben heute im Presseraum des NASREC Convention Centers (direkt neben dem Böll-Forum) eine Pressekonferenz abgehalten, bei der die Ehefrau von Marwan Bargouthi auftrat. Marwan Bargouthi war Repräsentant der Palästinenserorgansiation Fatah in Ramallah und ist derzeit in Israel inhaftiert. Die israelischen Behörden beschuldigen ihn, der Kopf hinter den Selbstmordattentaten der Al-Aqsa-Brigaden zu sein. Auf der Pressekonferenz wurde die Inhaftierung Bargouthis verurteilt und “das Ende der israelischen Besetzung Palästinas” zur Bedingung für nachhaltige Entwicklung in Nahen Osten erklärt.
Vor und nach der Pressekonferenz protestierte eine Gruppe israelischer Studenten “gegen die palästinensischen Versuche, den Weltgipfel für ihre Sache zu vereinnahmen. Mitglieder der grünen israelischen Studentenorganisation “Green Course”, die an dem Protest beteiligt waren, sagten, es gehe dabei nicht um die Frage, ob die Palästinenser Recht oder Unrecht hätten, sondern dass sie befürchteten, alle würden verlieren, gelänge es den Palästinensern, den Weltgipfel für ihre Sache zu instrumentalisieren. Die isrealischen Studenten sangen vor dem Gebäude hebräische und arabische Friedenslieder. Ihr Protest wurden auch von südafrikanischen Studenten unterstützt. Daraufhin wurden einige der israelischen Studenten festgenommen.
Umfassende Informationen der Heinrich-Böll-Stiftung über den Weg zum Gipfel können Sie im Internet deutschsprachig unter www.worldsummit2002.de erhalten. Dort wird auch ein Download der Jo‘burg News bereit liegen. Englischsprachige Informationen gibt die Homepage www.worldsummit2002.org
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