RIO+10 THEMEN
  Klima+Energie
 
 
 

CO2-Emissionshandel: Dichtung und Wahrheit

Mit dem Kuhfurz Geld verdienen. So sieht der Klimaschutz auf dem Weltmarkt aus. Der kanadische Energiekonzern TransAlta ist


 
Foto:Bündnis90/Die Grünen

damit einer der Vorreiter des Emissionshandels. TransAlta verfügt über mehrere Kohlekraftwerke. Diese tragen erheblich zum Kohlendioxidausstoß bei, berichtet das Greenpeace-Magazin. Auf Grund derzeitiger Klimaabkommen kann die Luftverschmutzung demnächst teuer werden. Deshalb hat sich das Unternehmen eine Investierung der besonderen Art  ausgedacht. TransAlta hat sich verpflichtet 32 Jahre lang Medizin für ugandische Kühe zu zahlen, damit deren Blähungen verhindert werden. Der damit eingesparte Methan-Ausstoß (wie CO2 ein Treibhausgas) entspricht 30 Millionen CO2-Äquivalenten. Damit lässt sich handeln.

 Wie ist das möglich? Die Erkenntnisse um den Klimawandel haben eine internationale Debatte zur Senkung der Treibhausgas-Emissionen ausgelöst. 1997 wurde in Kyoto ein Protokoll verabschiedet, das sich mit diesem Thema befasst. In diesem Jahr soll es nun in Johannesburg in Kraft treten. Für die völkerrechtliche Verbindlichkeit muss dieses Protokoll von mindestens 55 Staaten ratifiziert werden. Diese wiederum müssen 55 Prozent der Emissionen von 1990 auf sich vereinigen, so der Informationsdienst für Politik.

Das Protokoll verpflichtet alle beteiligten Länder ihre Emissionen zu reduzieren. Von 2008 bis 2012 sollen sie unter das Niveau von 1990 gesenkt werden. Dabei können Länder, die ihre Reduktionspflichten übertreffen, „Emissions-Guthaben“ an andere verkaufen. Auch in Entwicklungsländern kann eingekauft werden, schreibt das Ökosoziale Forum Wien. Hier sind die Preise für technische Erneuerungen geringer. Solch ein Aufkauf macht sich also dann bezahlt, wenn woanders die Reduktionskosten niedriger sind, als beim eigenen Konzern.  


Quelle: Ökosoziales Forum Wien (Laut Kyoto-Vereinbarungen muss Luxemburg seine Emissionen um 30 % verringern, um den Stand von 1990 zu erreichen. Portugals Luftverschmutzung liegt hingegen weit unter der von 1990 und kann seine Emissions-Äquivalente steigern oder verkaufen.)

 

 

Zwischen 60 und 250 Milliarden Dollar Geschäftsvolumen erwarten die Banken mit der Einführung von Umweltlizenzen, schreibt die Hamburger Wochenzeitung „Die Zeit“. Die Spekulation geht soweit, dass dieser Handel zum größten Warenmarkt aufsteigen könnte. Wer jetzt investiert, verspricht sich langfristig hohe Gewinne. Da kann ein Handel mit Blähungen eine gute Kapitalanlage sein.

 

Arbeitsplätze gefährdet?
Wie sieht nun die Zertifikatvergabe und der Handel damit in der EU aus? Ab 2005 will die EU-Kommission Emissionszertifikate einführen. Energieintensive Anlagen dürfen dann nur noch eine bestimmte Menge Kohlendioxid ausstoßen. Bei Nichterfüllung der Ziele muss laut Germanwatch das Unternehmen in der Anlaufphase 50 Euro und später 100 Euro pro Tonne zahlen.

In den ersten Jahren betrifft die Zertifizierung nur große Anlagen wie Raffinerien, Eisenhütten, Keramik- oder Papierfabriken. Ab 2004 sollen weitere hinzu kommen.

Wenn ein Unternehmen mehr CO2-reduziert als notwendig, kann es die überschüssigen Zertifikate verkaufen, so das Ökosoziale Forum. Damit wird der Wirtschaft die Chance geboten, die Treibhausgase dort zu reduzieren, wo es am kostengünstigsten ist.

Trotz dieses Entgegenkommens seitens der Kommission sind viele Großkonzerne und Gewerkschaften dagegen. In Deutschland etwa die IG Bergbau, Chemie und Energie, E.ON oder RWE sehen die Zertifikatvergabe als beschäftigungswidrig an. Der EU-Vorschlag konzentriere sich nur auf wenige Branchen, so der Vorwurf. Insgesamt seien nur 45 % der europaweiten Emissionen erfasst. Der Wettbewerb für die Energiewirtschaft könnte damit gefährdet werden. Gewerkschaften und Firmen rechnen mit dem Verlust von bis zu 60.000 Arbeitsplätzen.

In die gleiche Kerbe schlug im März 2002 auch Bundeswirtschaftsminister Werner Müller: „Die vorgesehenen absoluten Emissionsbegrenzungen würden als Wachstumsbremse und damit 


 Foto: BMU

Arbeitsplatzkiller wirken. Da kann man nur sagen: Kompletter Schmarrn
!“

Im Gegensatz dazu sieht Umweltminister Jürgen Trittin in den internationalen Vereinbarungen auf jeden Fall eine Chance. So sagte er auf einer Konferenz zur Zertifizierung: “Ich stehe dem Emissionshandel durchaus aufgeschlossen gegenüber. Aber er ist nur unter bestimmten Voraussetzungen ein wirksames und effizientes Instrument.“

Dass Emissionshandel durchaus funktionieren kann, zeigt ein Beispiel in den USA. 1995 führte die US-Regierung Verschmutzungsrechte für Schwefeldioxid ein. Laut „Zeit“ waren nach fünf Jahren bereits 40 Millionen Emissionsrechte á eine Tonne Schwefeldioxid vergeben. Die dafür aufgewendeten Kosten blieben weit unter den erwarteten. Der Ausstoß von S02 nahm rapide ab. Es bleibt aber abzuwarten, ob der Effekt bei der Zertifizierung von Treibhausgasen der Gleiche ist.

Schlupflöcher

Die wirklich interessanten Schlupflöcher sind weitaus größer. So verfügt Russland über riesige nicht beanspruchte Emissionsrechte. Russlands Emissionen lagen 1990 nämlich 30 % über den derzeitigen. Die Folge der zusammen gebrochenen Industrie lässt sich nun verkaufen. Das Ökosoziale Forum sieht darin eher einen Schaden für den Klimaschutz als einen Gewinn. Der Aufkauf dieser sogenannten „Heißen Luft“ kann den CO2-Ausstoß ganzer Energie- und Bergbaukonzerne rechtfertigen.


Foto: Land Saarland

Indien hingegen will sich Umgehungsstraßen anrechnen und finanzieren lassen. Damit könnten Emissionen durch Staus in den Großstädten verringert werden. Das hat der Förderverein ökologischer Steuerreform (FÖS) heraus gefunden. Neben Indien drängen auch Pakistan, China und Vietnam darauf neue Atommeiler anrechnen zu können.

Ein ebenfalls strittiger Punkt sind die sogenannten Senken, die im Kyoto-Protokoll vorgesehen sind. Als Senken werden u.a. Wälder bezeichnet. Ihre Bäume binden Kohlenstoff und senken damit den Kohlendioxidgehalt in der Luft. Wälder können bei der Berechnung des CO2-Ausgleichs mit einbezogen werden. Auch Industriekonzerne könnten sich somit Aufforstung anrechnen lassen.

Diese Verrechnung erscheint jedoch fragwürdig. So will eine japanische Firma eigens zu diesem Zweck 3.000 ha Urwald auf Tasmanien roden, schreibt der FÖS. An seiner Stelle sollen schnell nachwachsende Eukalyptus-Plantagen entstehen. Deren stetige Holzproduktion kann nämlich als CO2-Reduktion verkauft werden.

Solche unseriösen Geschäfte stehen schon heute auf der Tagesordnung. Sanktionen sind bisher jedoch nicht geregelt, bemerkt Christoph Bals von Germanwatch.

Inwieweit solche Regelungen noch realisiert werden, wird die Zukunft zeigen. Auch, ob ugandischen Kühen ein Schlupfloch bleibt.

Sylka Böhme


 
 
 
 
Hilfe

     Jo-Burg Special

 Zehn Jahre nach Rio war Johannesburg vom 26. August bis 4. September 2002 Gastgeber des Weltgipfels für Nachhaltige Entwicklung. Diese Seite informiert über Ziele, Erreichtes und Hintergründe und stellt die Aktivitäten der Stiftung und ihrer Partnerorganisationen vor. Weitere Infos bieten zudem unsere internationale Seite ww.worldsummit2002.org sowie www.boell.de.


u Ergebnisse

Berichte vom Gipfel mm

Politische Erklärung mm

Implementierungsplan
m
Bericht von IISD

taz: Australien auf gutem Weg       

Welt:  Protest in schwindelnder Höhe   

fr: Afrika soll schöner werden         

Spiegel: "Firmen sind Regierungen weit voraus"         

[Mehr...]


u
Hintergrund

Von Rio nach Johannesburg- 10 Jahre danach
m
Was kann erreicht werden?

mm
Welthandel versus Nachhaltigkeit  mm
m
Gastgeberstadt Johannesburg 
mm
Gerechtigkeit braucht Verzicht

u Links

UN-Seite zum Gipfel      m

Gemeinsame Seite des BMU und des BMZ  m

Experteninfos von IISD  m

Multistakeholder-Forum

u Newsletter

Unser deutschsprachiger Newsletter bot Ihnen während des Weltgipfels aktuelle Nachrichten und Hintergründe. Klar, kompetent und kritisch aufbereitet.
Bisherige Newsletter lesen